Erschienen bei AH am 14.1.2012
Innerhalb der faszinierenden Welt der
Tony Blair Incorporated
Robert Mendick und Josie Ensor
14. Januar 2012
Übersetzung Remo Santini
Es ist einfach, an dem anonymen georgianischen Stadthaus im Zentrum Londons vorbeizugehen, ohne ihm einen zweiten Blick zu schenken. Aber das fünf Stockwerke hohe Gebäude am Grosvenor Square, nahe der amerikanischen Botschaft, ist das Heim einer Multimillionen-Pfund-Industrie mit rund um den Globus reichenden Tentakeln.
Bild: http://i.telegraph.co.uk/multimedia/archive/02109/ton_2109253b.jpg
Im Innern dieses georgianischen Stadthauses macht die Tony Blair Inc. ihre Millionen. Das Hauptquartier am Grosvenor Square von Tony Blairs unzähligen Firmen und Wohltätigkeitsorganisationen. Die ausgedehnten Auslandsreisen des früheren Premierministers bedeuten, dass er da selten anzutreffen ist. Photo: Jane Mingay
Das Haus dient als Hauptquartier der Blair Inc., der inoffizielle Name, den Tony Blairs Aktivitäten bekommen haben. Es ist von hier aus, dass der frühere Premierminister neben anderen Dingen sein Geld macht.
Finanzexperten behaupten, dass sein ausgedehntes Portfolio an Firmen und Liegenschaften ihn in die oberen Ränge von Englands Superreichen hinauf gedrückt hat. Sein Vermögen – das wegen der Geheimhaltung, die seine verschiedenen Unternehmen umgibt, schwer einzuschätzen ist – könnte nun Millionen Pfund betragen, was möglicherweise genug ist, um seinen Namen in die inoffizielle englische Reichenliste zu hieven. Herr Blair, der zusammen mit seiner Frau Cherie sieben Liegenschaften besitzt, ist wahrscheinlich unter den 2000 reichsten Leuten von Großbritannien.
Ein Buchsachverständiger der City, der die Konten von Herrn Blairs Firmen prüfte, sagte: „Sein gesamtes Vermögen ist schwierig zu eruieren, aber ich würde schätzen, dass es sich um die 30 bis 40 Millionen Pfund bewegt.“ Herrn Blairs Sprecher bestreitet, dass des früheren Premierministers Reichtum „sich auch nur im entferntesten dieser Summe annähert“.
Diverse Artikel (in Englisch):
Grafik: Tony Blair’s extensive foreign travels mapped
14. Januar 2012
Tony Blair: 12 months in his diary
14. Januar 2012
Tony Blair and the £ 8 Million tax „mystery“
7. Januar 2012
Inside the secret web of Tony Blair Inc.
7. Januar 2012
Tony Blair’s six secret visits to Col. Gaddafi
24. September 2011
Im Haus am Grosvenor Square und verteilt über die Etagen befinden sich zwei Firmen, zwei Wohltätigkeitsorganisationen und Herrn Blairs eigenes Büro. Alles in allem arbeiten etwa 100 Leute hier, obwohl Kenner sagen, dass es oft viel ruhiger ist, weil so viele von seinen Angestellten, darunter mehrere von seinen früheren Mitarbeitern aus der Downing Street, sich verschiedentlich auf Reisen befinden. Die Büros, einst der Wohnsitz von John Adams, des zweiten US-Präsidenten, der die erste amerikanische Mission in London einrichtete, werden zu einem Preis von £ 550‘000 pro Jahr gemietet. Sie umfassen fast 650 m².
Herr Blair ist selten anwesend, wobei er etwa einmal pro Monat auftaucht. Eine durch den „Sunday Telegraph“ anhand von veröffentlichten Quellen gemachte Analyse seiner Reisen ergab, dass Herr Blair innert 12 Monaten 61 Auslandreisen unternahm, wobei er etwa 360‘400 Kilometer absolvierte – was einer Reise auf den Mond entspricht.
Eine grobe Berechnung ergibt, dass Herr Blair, der die Organisation „Breaking the Climate Deadlock“ (den toten Punkt des Klimaproblems überwinden) gründete, um die Klimaerwärmung zu bekämpfen, 58 Tonnen CO2-Emissionen angehäuft hat, und zwar allein nur durch seine Jetreisen während eines einzigen Jahres. Das ist etwa 30 Mal so viel, wie der Durchschnitt eines erwachsenen Engländers.
Es kann sehr gut sein, dass Herr Blair noch mehr gereist ist, aber dies sind die Reisen, von denen wir wissen. Es ist bekannt, dass er kaum mehr als zwei Monate in England verbringt.
Die Reisen vom 1. April 2010 bis zum 31. März letzten Jahres umfassten häufige Trips nach Jerusalem, wo er als Friedensgesandter für den Nahen Osten fungiert; und dann nach Afrika, wo seine Hilfsorganisationen viel von ihrer Arbeit tun. Die USA und China waren ebenso beliebte Destinationen. Die Reisen scheinen mitunter Business, Philanthropie und Vergnügen zu vermengen. Im Sommer 2010 hielt er in Shanghai eine Rede, bevor er mit Frau und Kindern in China Familienferien verbrachte. Auf keiner Webseite seiner Hilfsorganisationen ist die Rede erwähnt, was bedeuten mag, dass er dafür bezahlt wurde.
Im Zeitraum von zwei Tagen besuchte er Präsident Goodluck Jonathan von Nigeria, in seiner Eigenschaft als bezahlter Berater von JP Morgan, der US-Investmentbank, worauf ein Besuch im nahegelegenen Sierra Leone bei seiner Faith Foundation folgte. Auf der Etappe nach Nigeria dieser Reise war Herr Blair vom Vorstandschef der Bank, Jamie Dimon, begleitet, der Pläne für eine neue Geschäftsstelle in Lagos ankündigte.
In jener Zeit, bis zum 31. März letzten Jahres, bekam Herrn Blairs Managementfirma Windrush Ventures Limited, gegründet um „all die verschiedenen Dinge zu verwalten, die er in der Welt tut“, Zahlungen von 12 Millionen £ und machte mehr als eine Million £ Profit. Die Steuerrechnung der Firma betrug 315‘000 £.
Wie der „Sunday Telegraph“ letzte Woche enthüllte, war die Steuerrechnung deshalb so gering, weil Verwaltungskosten von fast 11 Millionen £ dem Firmenertrag gegenüber gestellt wurden. Etwa 3 Millionen Ausgaben erfolgten zur Zahlung der Gehälter der 26 Angestellten von Windrush Ventures Ltd und für Büro- und Ausrüstungskosten. Da bleiben etwa 8 Millionen £ an Ausgaben übrig, welche die Buchsachverständigen der City, die die Konten eingehend prüften, nicht erklären konnten.
Es wurden Andeutungen darüber gemacht, dass zumindest einige jener 8 Millionen £ zum Teil Reiseausgaben von Herrn Blair und seiner Begleitung sein könnten. Gewiss gibt es zwei Insider, die Geheimhaltungsabkommen unterschrieben haben und demzufolge nicht öffentlich über ihre Erfahrungen am Grosvenor Square sprechen können, die sagen, nicht nur Herr Blair sondern vieler der Angestellten seien oft wegen Auslandreisen abwesend gewesen. „Sie gaben unglaubliche Summen für Reiseunkosten aus. Es war absolut lächerlich“, sagte eine Quelle. Die Quelle behauptet auch, dass Herr Blair kaum, wenn überhaupt je, mit einer Fluggesellschaft reise, sondern fast immer mit einem Privatjet. In der Vergangenheit reiste er mit Privatflugzeugen, die von Regimen wie jenes von Col. Muammar Gaddafi bezahlt wurden oder von Ruandas Präsidenten Paul Kagame, dem Menschenrechtsverletzungen angelastet werden.
Herr Blair ist nicht gezwungen, zu erklären, wie die 8 Millionen £ ausgegeben wurden, und da gibt es keinen Vorschlag, die durch KPMG geprüften Konten seien etwas anderes als vollständig seriös.
Herr Blair, 58, bestreitet, durch das Geld motiviert zu sein und hebt hervor, dass er zwei Drittel seiner Zeit für „kostenlose Tätigkeiten“ aufwende. Diese Sicht wird durch seine Freunde und Kollegen verstärkt. „Wenn er ein Milliardär hätte werden wollen, hätte er das tun können“, beharrte ein Freund. „Er legt es nicht darauf an, Geld zu machen; er ist bestrebt, eine sinnvolle öffentliche Rolle zu erreichen.“ – „Er macht nichts auf eine picobello Weise, wie das ein Geschäftsmann täte. Er zieht es vor, viel mehr Leute anzustellen, als es ein Geschäftsmann tun würde, und das ist der Grund, warum sein Profit klein und die Steuern tief sind.“
Auf dem obersten Stock von Herrn Blairs HQ befindet sich die Tony Blair Faith Foundation, die von seiner früheren Türhüterin an der Downing Street, Ruth Turner betrieben wird. Im Erdgeschoß logiert eine weitere seiner Wohltätigkeitsorganisationen, die Africa Governance Initative (AGI), deren Geschäftsleiterin Kate Gross ist, eine frühere Privatsekretärin von Herrn Blair an der Nr. 10. Zwischen dem obersten und dem untersten Geschoß befinden sich die Büros, wo Herr Blair sein Geld macht. Sein persönliches Arbeitszimmer, wo er sich kaum je aufhält, befindet sich im ersten Stock. Sein privates Büro wird durch einen Insider als „minimalistisch und modern, aber sicher nicht luxuriös“ beschrieben.
Herrn Blairs engste Mitarbeiter, darunter Catherine Rimmer, seine Strategiedirektorin, und Matthew Doyle, sein politischer Direktor, die beide an der Downing Street arbeiteten, haben ihre Büros ebenfalls auf dem ersten Stock. Die Etage darüber beherbergt den Mitarbeiterstab, der Tony Blairs Büro betreibt. Anthony Measures, der half für Herrn Blairs Memoiren „A Journey“ (Eine Reise) zu recherchieren, hatte auch ein Pult hier, während das Buch geschrieben wurde. Windrush Ventures, dessen Konten kurz vor Beginn des neuen Jahres eingereicht wurden, was eine seltenen flüchtigen Blick auf Herrn Blairs Geschäftsfinanzen erlaubte, wird als der Handelsname von „Das Büro von Tony Blair“ beschrieben.
Ebenfalls auf dem zweiten Stock, in einem separaten Anbau, befindet sich laut Quellen Herrn Blairs private Beratungsfirma Tony Blair Associates (TBA). Die Firma hat unter anderem einen Vertrag mit Kuwait darüber, das Land zu beraten, wie es sich selber am besten regiert. Eine kuwaitische Quelle hat behauptet, dass Herrn Blairs Firma während der Laufzeit des Vertrags über 12 Millionen Dinars, was 27 Millionen £ entspricht, verdienen werde. Herrn Blairs Sprecher bezeichnete jene Behauptungen als übertrieben.
So weit der „Sunday Telegraph“ festgestellt ahy, wurde nichts darüber veröffentlicht, wie viel Herr Blair mit Tony Blair Associates verdient, welche mit Unterstützung von Jonathan Powell, Herrn Blairs früherem Stabschef betrieben wird. Es wird angenommen, dass TBAs Handelsname Firerush Ventures sei, ein Netz von Firmen, die offenbar parallel zu Windrush Ventures laufen. Firerush ist bei der Finanzdienstaufsicht eingetragen.
Windrush und Firerush haben ähnliche Strukturen und bestehen aus einem komplizierten Netz von Firmen, Partnerschaften mit beschränkter Haftung und begrenzt haftenden Teilhaberschaften, welche die Details von Herrn Blairs Geschäften vor einer öffentlichen Untersuchung verbergen. Von Steuerberatern wird gesagt, dass diese Strukturen bei Firmen geläufig sind, die von Personen mit hohem Eigenkapital betrieben werden.
In einem offenen Brief von letzter Woche, in dem gegen die Enthüllungen des „Sunday Telegraph“ geschimpft wird, schrieb Herr Blairs Sprecher, dass Herr Blair ein „50-Prozent-Spitzensteuerzahler sei und seine Unternehmen die volle britische Körperschaftssteuer bezahlen“, bevor er beifügt: „Zudem unterhält er von seinem Verdienst Wohltätigkeitsorganisationen, die er gegründet hat und dann macht er noch zusätzliche Spenden. Da sind mehr als 120 Leute, die bei allen seinen Unternehmungen rund um die Welt arbeiten. Tatsächlich verbringt er den Großteil seiner Zeit mit Gratisarbeit im Nahen Osten, Afrika und anderswo.“
Aber obwohl er mehrfach dazu aufgefordert wurde, weigerte sich Herr Blairs Sprecher, darzustellen, wie die 8 Millionen £ an Ausgaben verwandt worden sind, aber er sagte, dass das „Reisen ein erheblicher Kostenpunkt sei, da er auch Angestellte im Ausland habe.“
http://www.telegraph.co.uk/news/politics/tony-blair/9015294/Inside-the-intriguing-world-of-Tony-Blair-Incorporated.html