Erschienen bei AH am 30.6.2012
HAITI:
Hilfsgelder für die Erdbebenopfer wurden
zum Bau von Fünfsternehotels verbraucht
Julie Lévesque
28. Juni 2012, Global Research
Übersetzung Remo Santini
Etwa 500‘000 Haitianer leben immer noch
in Lagern verteilt, und
zwischen den Barackenstädten werden
Fünfsternehotels gebaut.
Als Teil des „Wiederaufbaus“ des Landes hat der Clinton-Bush-Fond kürzlich zwei Millionen USD in das Hotel Royal Oasis investiert, in eine Deluxe-Struktur, die in einem von Armut geschlagenen Quartier der Hauptstadt gebaut werden soll, einem Quartier, das gefüllt ist von Lagern, die Hunderttausende von Vertriebenen beherbergen. Das Royal Oasis gehört einer haitianischen Investmentgruppe (SCIOP) und wird durch die spanische Kette Occidental Hotels & Resorts gemanagt werden.
AP berichtete im April, dass das durch die früheren US-Präsidenten gesammelte Geld, um den bedürftigsten Haitianern zu helfen, nun verwendet werde, um ein
Hotel Royal Oasis. Bild: http://www.caribjournal.com/wp-content/uploads/2012/06/haiti.oasis_.jpg
Noch mehr Bilder: http://www.oasishaiti.com/
Hotel für „reiche Ausländer“ und Touristen zu bauen, aber auch für die vielen Mitarbeiter der NROs, die sich derzeit in Haiti befinden. (Daniel Trenton, „AP, New hotels arise amid ruins in Haitian capital“, Clinton Bush Haiti Fund, 29. April 2012.)
Es lohnt sich zur Kenntnis zu nehmen, dass die westlichen Regierungen darauf bestanden haben, dass die Hilfsgelder für Haiti den NROs und Stiftungen gegeben wurden, anstatt der haitianischen Regierung, welche sie als „korrupt“ betrachteten.
In der Zeit nach dem Erdbeben vom Januar 2010 realisierten die Menschen in den USA, Kanada und in der EU, die den humanitären Organisationen und NROs Spenden gemacht hatten, nicht, dass ihr Beitrag für den Wiederaufbau Haitis in Kanäle zum Bau von Fünfsternehotels gelenkt werden würde, um ausländische Geschäftsleute zu beherbergen. Sie erwarteten, dass das Geld dazu verwendet würde, das haitianische Volk mit Lebensmitteln und Wohnungen zu versorgen.
Das Royal Oasis wie auch andere Hotelprojekte für zusammen über 100 Millionen USD erwecken laut AP „die Hoffnung, dass Tausende von (ausländischen) Investoren bald einmal ihre Räume mit Klimaanlage füllen und dafür schauen werden, dass
Bild: http://2.bp.blogspot.com/_DEvW1x7Yex8/S1qU3tEPo3I/AAAAAAAAApE/be4BZC5yThs/s640/fund.JPG
Fabriken und eine touristische Infrastruktur gebaut würde“. Das „10-Etagen-Bauwerk
wird über eine Kunstgallerie, drei Restaurants, eine Handelsbank und Luxusläden verfügen. Der Bau des Royal Oasis begann vor dem Erdbeben, und es wird erwartet, dass es bis Ende Jahr fertiggestellt ist.“ Das Erdbeben war demzufolge für die Hotelpromoter und Bauunternehmer ein Segen, der ihnen 2 Millionen USD bringt, die ursprünglich
dafür gesammelt worden waren, „direkt dazu verwendet zu werden, die materiellen Bedürfnisse zu befriedigen (Essen, Wasser, Unterkunft, erste Hilfe)“, (siehe obenstehender Bettelbriefausschnitt). Von den am Bau des Royal Oasis beteiligten Firmen sind zwei haitianisch, eine kanadisch (Montreal) und eine andere amerikanisch (Miami).
Hilfe aus dem Ausland: Wer profitiert?
Von der „Hilfe“ aus dem Ausland profitieren oft die NROs des Geberlandes wie auch die lokale Geschäftselite des Empfängerlandes. Der Rat für Angelegenheiten der Hemisphäre hat Bill Clinton wie auch vorherige US-Präsidenten dafür gerügt, Haiti in einem Zustand der „endemischen Armut gehalten zu haben, und zwar durch eine eigennützige Reisexportpolitik […]. 2003 waren etwa 80% des in Haiti konsumierten Reises aus den USA importiert“. (Leah Chavla, „Bill Clintons schwere Hand auf Haitis verletzlicher Landwirtschaft: Der amerikanische Reisskandal“, Rat für Angelegenheiten der Hemisphäre, 13. April 2012.)
Letzten Januar berichtete iWatch News:
Laut Zahlen der US-Regierung sind bis zum letzten Herbst 1537 Aufträge vergeben worden (an amerikanische Firmen) für ein Total von 204‘604‘670 USD. Nur 23 der Aufträge gingen an haitianische Unternehmen und dies für ein Total von 4‘841‘426 USD. (Marjorie Valbrun, „Nur ganz vereinzelte haitianische Firmen stehen auf der Wiederaufbauliste“, iWatch News, 11. Januar 2012.)
Die Internationale Finanz-Corporation (IFC), eine Gesellschaft der Weltbank, hat auch 7,5 Millionen USD in das Projekt investiert, wobei sie behauptet, sie werde „Arbeitsplätze schaffen, Geschäftsmöglichkeiten für kleine Geschäfte erstellen und eine nachhaltige Entwicklung fördern“. Seit 2006 sind von der IFC 68.6 Millionen USD in den privaten Sektor Haitis investiert worden, aber das Pro-Kopf-BIP hat sich während dieser Periode nur sehr wenig verbessert. Da gibt es eine dünne Linie zwischen Sklaverei und einem durchschnittlichen Tagesverdienst von 2 Dollar. Diese wollte der abgesetzte Präsident Jean Bertrand Aristide niederreißen, bevor er durch einen amerikanisch-französisch-kanadisch organisierten Staatsstreich gestürzt wurde. (Die Internationale Finanz-Corporation IFC investiert in ein Hotelprojekt in Haiti, um die Wiederaufbaubemühungen zu unterstützen, IFC, 30. Juni 2010.)
„Die gute Nachricht“ ist, dass das Projekt Arbeitsstellen für Haitianer schaffen wird. Die Oasis-Stiftung hat auch ein Programm geschaffen, um Angestellte für die Tourismusindustrie zu trainieren. Der Projektorganisator, Jerry Tardieu, sagte AP, „die neuen Hotels werden mehr Leuten helfen, die Lager zu verlassen, indem sie Jobs haben, mit denen sie die Miete für Wohnungen bezahlen können, die durch die Regierung und gemeinnützige Organisationen saniert werden“. Er sagt, 600 Personen seien für den Hotelbau angestellt worden, und einmal offen und in Betrieb, werden noch 250 bis 300 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Zusätzlich zu den in das Hotel investierten 2 Millionen USD, geht noch eine bescheidene Gabe von USD 264‘000 an den „gemeinnützigen Zweig des Hotels Oasis, an die Oasisstiftung […], zur Unterstützung des Hotel- und Gaststättengewerbes durch die Wiedereröffnung der École Hôtelière Haitienne (Haitianische Hotelfachschule) […] (Clinton-Bush-Haiti-Stiftung, Programme: Oasis). Diese Gelder werden vor allem dazu benutzt, komfortable Hotelzimmer, Aufenthaltsräume und Cafés für Ausländer zu bauen und die Haitianer zu trainieren, sie in einem angenehmen Fünfsternambiente zu bedienen.
Während es in Haiti in der Folge des Erdbebens an Hotelzimmern fehlte und die Schaffung von Arbeitsplätzen wichtig ist zur Reduzierung der Armut, lebt eine Mehrheit der Bevölkerung immer noch in behelfsmäßigen Unterkünften aus Kartons, Altmetall und alten Leintüchern. Die Menschen kämpfen, um trinkbares Wasser und Essen auf ihrem Tisch zu haben – in vielen Fällen haben sie noch nicht einmal einen Tisch. Derweil ist der Bau von Luxushotels für Ausländer erste Priorität, im Gegensatz zum Bau von Wohnhäusern für die Einheimischen.
Tourismusministerin Stephanie B. Villedrouin sagte: „Alle diese [850] Hotelzimmer [beim Erdbeben zerstört] werden bis Ende des Jahres ersetzt worden sein […] Villedrouin sagte, Port-au-Prince habe eine Belegungsrate von 60%, aber viele dieser Hotels sind für internationale Reisende zu rustikal [und selbstverständlich auch für die Leute der NROs, der Weltbank und der USAID auf Mission in Haiti.] (AP, op cit, Hervorhebungen beigefügt.)
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Lager in der Nähe des Royal Oasis (AP, Foto Ramon Espinosa)
Die „internationalen Reisenden“ sind die unerwähnten Opfer des rudimentären und rustikalen Hotelzimmerangebots, wenn sie sich auf Mission in Haiti befinden – laut Alejandro Acevedo, Direktor von Marriott. „Marriott International … baut für 45 Millionen USD ein 174-Zimmer-Hotel [in Haiti] in Partnerschaft mit der Mobiltelefongesellschaft Digicel Group. Acevedo von Marriott beklagte sich, dass „er während eines kürzlichen Besuchs wegen der zerstörten Hotelzimmer sogar das Zimmer mit seinem Chef habe teilen müssen“.
In der Zwischenzeit leben die meisten Haitianer in überfüllten Lagern, wie etwa im Lager auf dem Champ de Mars in Port-au-Prince, „dicht an dicht, mit Hütten aus Leintüchern, Planen und Altmetall, welche ein dürftiges Obdach für etwa 17‘000 Menschen abgeben“. Zudem finden regelmäßig Zwangsräumungen statt, laut AlertNet. (Anastasia Moloney, „Haitis Obdachlose konfrontiert mit Wohnungslotterie“, AlertNet, 23. Februar 2012.)
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Lager auf dem Champ de Mars (Foto Haiti Press Network)
Die Rolle des Roten Kreuzes
Der AP-Bericht bestätigt, dass die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften IRFC Land für 10,5 Millionen USD gekauft hat und ebenso daran denkt, ein Hotel zu bauen: „Das Geld kam von Spenden, die von den nationalen Rotkreuzgesellschaften für die Erdbebengeschädigten gesammelt worden waren, und da fragt sich nun manch einer, ob das Geld nicht besser dazu verwendet würde, den Vertriebenen eine Wohnung zu verschaffen und nicht irgendwelchen Arbeitern zu helfen.“ (AP, op. cit, Hervorhebungen beigefügt.)
Woher kam das Geld? Wohin ging dieses Geld?
Millionen von Menschen aus den USA, aus Kanada und Westeuropa spendeten einen Teil ihrer Ersparnisse an ihre nationale Rotkreuzorganisationen, welche die Spenden dann an die IFRC weiterleiteten, der Welt größte humanitäre Hilfsorganisation. Die IFRC behauptet, „Hilfe zu gewähren, ohne jemanden wegen seiner Nationalität, Rasse, religiösen Überzeugungen, Klasse oder politischen Meinung zu diskriminieren“. (Siehe IFRC-Webseite)
Dieser Landkauf des IFRC verletzt nicht nur ihr humanitäres Mandat, sondern auch das ihr von den einzelnen Rotkreuz- und Rothalbmond-Organisationen weltweit entgegengebrachte Vertrauen. Die Rotkreuzspenden hätten für das Mandat der IFRC hinsichtlich von „Wiederherstellung des Wohnraums und Siedlungsplanung“ eingesetzt werden müssen, für die Katastrophe überwindende Lebensumstände: wie es klar auf der IFRC-Webseite deklariert ist:
„Die meisten Menschen, die ihr Heim infolge einer Katastrophe verloren haben, wollen ihre Häuser so schnell als möglich reparieren oder wieder aufbauen. Viele beginnen den Wiederaufbau unmittelbar nach einer Katastrophe, wenn immer es die Umstände und Mittel erlauben. Die Hilfe zu einer Unterkunft, wie sie von der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften IFRC gegeben wird, wird dem gerecht und wo es angebracht ist, gibt sie der Lieferung von Material, Werkzeugen, Bargeld und technischer Hilfe den Vorrang, um den Prozess zu unterstützen.“ (Hervorhebung beigefügt)
Bild: http://www.globalresearch.ca/articlePictures/RCRC-flags1.jpg
Haitis Comeback
Gemäß dem AP-Bericht: „Zeichen von Haitis Comeback kann auch in dem 105-Zimmer-Best-Western-Hotel gesehen werden, das nur einige Blocks von den mit Wellblechhütten bedeckten Berghängen gebaut worden ist. Das Fünfsterne-Best-Western-Projekt kostet 15,7 Millionen USD und ist in der vornehmen Stadt Petionville gelegen. Das „erste US-Hotel in Haiti“ ist von lokalen Investoren finanziert worden, wird aber von einer Firma aus Dallas gemanagt werden und soll 150 Arbeitsstellen bringen. (ebd.)
Während mehrere Hotels im Bau sind, um für potentielle ausländische Investoren „Unterkunft und Verpflegung“ zu bieten, werden sehr wenige Häuser für die Einheimischen gebaut, und von denen „sind die große Mehrheit provisorische Bauten mit einer Lebensdauer von zwei, maximum fünf Jahren“, laut Gerardo Ducos von Amnesty International. (AlertNet, op. cit.)
Um das Lager auf dem Champ de Mars schließen zu können, was gleichbedeutend wäre mit der Vertreibung von mehr als 17‘000 Menschen, hat ein kontroverses Programm der haitianischen Regierung – finanziert von Kanada – den Bewohnern 500 USD geboten, wenn sie da weggehen, um irgendwo anders eine Unterkunft zu finden. In Wirklichkeit ist es so, dass das Projekt zu einer de facto Enteignung der Slumbewohner führt, die in einer Hochpreiszone im Zentrum von Port-au-Prince leben. Während die Geldsumme hoch genug ist, um ein Jahr die Miete zu bezahlen, fragt sich Ducos: „Was geschieht mit den Leuten, wenn in einem Jahr ihr Geld für die Miete zu Ende ist?“ (ebd)
Wird es für sie genug Jobs in der Hotelindustrie geben?
Werden die Löhne groß genug sein, um die Miete zu bezahlen?
Es bleiben viele unbeantwortete Fragen.
Julie Lévesque ist Journalistin und Forscherin für das Centre for Research on Globalization CRG (Globalisierungs-Forschungszentrum), Montreal. Sie war unter den ersten unabhängigen Journalisten, die Haiti unmittelbar nach dem Erdbeben aufsuchten.
http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=31646
[Auszeichnungen beigefügt]
[Im Originalartikel finden sich viele zusätzliche Links]